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Privat Wenn die Vergangenheit auf dem Parkplatz zur Abholung steht
31 Januar 2013 || früher Abend || vor dem SFMHsp || Sean Rosebush && Jane Dallas
#16
Charlotte war wundervoll und Sean schaffte es kaum sie aus den Augen zu lassen, obwohl er sich innerlich ermahnte sie nicht anzustarren. Egal was er in seinem Erwachsenen-Hirn denken oder wissen mochte – für sie war er einfach nur ein völlig fremder Mann der plötzlich an ihrem Bett saß und er wollte sie nicht überfordern oder so tun, als wäre er der geborene Vater auf den sie all die Jahre heimlich gewartet und gehofft hatte. Es reichte ihm völlig, wenn sie keine Angst vor ihm hatte und vielleicht irgendwann im Laufe der Zeit sogar Vertrauen zu ihm fassen könnte. Einen Moment lang war es ihm sogar tatsächlich gelungen die fremde Frau im Zimmer zu ignorieren, aber auch wenn er Charlottes lächelndes Gesicht bewunderte – es half ja nichts. Jane übernahm an seiner Stelle und er schmunzelte, als sie ebenfalls artig den Teddybären begrüßte. Sean schüttelte die Hand von Nickelson, Margot Nickelson und fragte sich beiläufig was genau ihn hier eigentlich jetzt zum Ansprechpartner gemacht hatte, nahm es aber einfach so hin. Als sie ihren Text abspulte, hob er die Augenbrauen, ganz so, als wolle er sie fragen: Im Ernst?, kam jedoch nicht dazu etwas zu erwidern, da Jane hellhörig geworden war und dazwischen ging. Normalerweise urteilte Sean nicht vorschnell über Menschen, was zum Teil daran lag, dass die meißten Leute ihm schlichtweg egal waren. Er legte keinen Wert auf ihre Meinung oder ihre Gesellschaft. Nickelson hingegen schaffte es, ihn innerhalb von dreißig Sekunden gegen sie aufzubringen. Sie war ein Eindringling, jemand der einen für ihn unendlich wichtigen Moment störte und was noch viel schlimmer war: sie wollte ihm erzählen, was für seine Familie am besten war. Das liebte er ganz besonders. Menschen, die ihm erklärten, was er zu tun und zu lassen hatte. Er folgte den Beiden nach draußen, was auch ihm der weitaus angemessenere Platz für eine derartige Unterhaltung zu sein schien und wurde erneut übergangen. Nicht von der Sozialarbeiterin, oder was immer sie darstellen mochte, sondern von Jane, die plötzlich ein erhötes Mitteilungsbedürfnis zu haben schien.
Seans Gesicht verzog sich ärgerlich und er machte sich nicht einmal die Mühe so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Als Schauspieler wäre er egal für welche Rolle eine absolute Fehlbesetzung, für die des Diplomaten aber wohl am aller ungeeignetsten. Er lauschte dem Schlagabtausch der beiden Frauen, wobei er nicht einmal genau wußte welche ihm gerade mehr auf die Nerven ging. Jane, die ernsthaft glaubte, sich verteidigen zu müssen – vor einer Frau, die auf gar keinen Fall eigene Kinder haben konnte, weil niemand bei ihr freiwillig Hand angelegt hätte. Oder aber von der taktlosen Mitarbeiterin der Fürsorge. Hatte er sich eben noch bemüht alles richtig zu machen, schien Nickelson selbst überhaupt kein Tatkgefühl zu besitzen und dass sie Jane derart runterputzte gefiel ihm überhaupt nicht. Als es ihm endlich zu blöd wurde, unterbrach er die Unterhaltung, die in diesem Moment eher Züge einer Vernehmung annahm, nachdrücklich.
"Du hörst augenblicklich auf dich zu rechtfertigen." fuhr er erst Jane an und richtete seine Aufmerksamkeit dann auf Miss Nickelson. Er hob den linken Arm und deutete mit dem Finger auf sie, ganz so, als könne er überhaupt nicht fassen, was hier gerade passierte. "Und SIE... verschwinden jetzt. Erst das ganze Gequatsche über Stabilität und dann sind ausgerechnet Sie es, die eine derartige Unterhaltung vor einem Kind beginnt. Sie wird bei uns beiden wohnen. Und wir werden uns beide um sie kümmern. Gemeinsam. Haben Sie das verstanden? Sehr gut. Dann schreiben Sie das auf ihr beschissenes Klemmbrett und jetzt Abflug!" Der eben noch erhobene Zeigefinger deutete ihr mit einer Bewegung den Weg, mit der man normalerweise einen Hund in sein Körbchen schickte. Die gute Dame wechselte wärend seiner Worte mehrfach die Farbe. Sie wurde erst vor Entsetzen blass, dann Rot vor Zorn und schnappte hörbar nach Luft. Mit einem letzten Blick auf sein Gesicht verzichtete sie jedoch darauf Widerspruch einzulegen und stapfte tatsächlich von Dannen, wobei ihre Absätze geräuschvoll über den Linoleumboden klapperten. "Blöde Schlampe." Sean sah ihr nach, schaffte es jedoch so leise zu sprechen, dass nur Jane seine Gefluche hören konnte. Wahrscheinlich war es keine sonderlich gute Idee, sie derart abzukanzeln, aber ihre Idee hier am Krankenbett das weitere Vorgehen besprechen zu wollen war wohl noch dämlicher. Und ehrlich gesagt war es ihm scheiß egal. Es war ja nicht so, als wären sie Bittsteller oder Verbrecher. Charlotte war ihre Tochter und auch wenn das Miss Nickelson nicht passen würde, hatten sie damit durchaus gewisse Rechte und Ansprüche.

Er musterte Jane einen Moment lang aus den Augenwinkeln heraus und erkundigte sich leise: "Alles ok?" Er vermutete, dass er ihr vorhin schon ganz schön zugesetzt hatte und dass dieser Auftritt nicht dazu beitrug, dass sie sich gut fühlte. Während er einfach nur wütend war, ahnte er dass sie hingegen sich mit Selbstzweifeln herumschlug und sich tatsächlich schlecht fühlte. Das sollte sie auch. Weil sie sieben Jahre lang nicht den Mund aufgemacht hatte. Aber bestimmt nicht wegen so einer Nebelkrähe. Stabiles Umfeld. So ein Scheiß. Nur weil sie kein Paar waren und nicht zusammen lebten bedeutete das noch lange nicht, dass sie sich nicht gemeinsam würden kümmern können. Denn auch wenn er gerade noch etwas anderes behauptet hatte: Sean hatte durchaus nicht vor, mit Jane zusammenzuleben. Das ging beim besten Willen zu weit. Viel zu weit. Und es wäre auch für Charlotte nicht gut gewesen, da er sich nicht vorstellen konnte, dass ein derartiges Zusammenleben auch nur im Ansatz funktioniert hätte. Wie auch? Man konnte ja nicht einfach zwei im Grunde Fremde mit einer nicht ganz einfachen Vorgeschichte zusammen schmeißen und darauf hoffen, dass sie sich nicht gegenseitig die Schädel einschlagen würden. Es war so schon kompliziert genug und er ging davon aus, dass sie sich über alles und nichts uneins sein würden. Da mußte man die Situation nicht noch unerträglicher machen, indem man sie Beide ihrer Rückzugsmöglichkeit beraubte. Und wieviele Kinder lebten bitte ebenfalls nicht mit beiden Eltern? Es war ja nicht so, als wäre er am Südpol zu Hause. Er war in der selben Stadt, würde sie regelmäßig besuchen und einspringen, wenn er gebraucht wurde. Das reichte doch wohl. Und in einigen Punkten schienen sie sogar gut zusammen zu funktionieren. Sean war keinesfalls entgangen dass Jane sich so vor der Tür postiert hatte, dass ihr ungebetener Besuch nicht einfach wieder eintreten konnte. Sie hatte entschieden, die Unterhaltung nach draußen zu verlegen und er hatte nun eben entschieden sie an dieser Stelle zu beenden und war sich ziemlich sicher mit dieser Entscheidung auf ihr Einverständnis hoffen zu dürfen. Wahrscheinlich war es das erste Mal seit ihrem unerfreulichen Zusammentreffen dass sie sich wirklich einig waren. Immerhin – gemeinsame Feindbilder schienen tatsächlich zu verbinden.
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#17
Janes inneres Ich hatte gerade eine ganze Menge über sie zu sagen und sie fand sich selber als eine absolute totale Versagerin. Was hätte sie anderes tun sollen, als sich nicht zurechtfertigen, auch wenn die Aussage von Sean, sie solle augenblicklich damit aufhören sie tatsächlich sofort zum Verstummen gebracht hatte. Ihr Blick ging zu ihm und sie sah zu, wie er letztendlich diese knöcherne Kuh förmlich abspeiste. Nein, nicht abspeiste, er las ihr die Leviten und schmiss sie so gesehen raus.
Die Ärztin sah ihr nach, folgte ihren Schritten, lauschte ihnen und hoffte, dass es einfach wirklich gut werden würde, für sie und für ihn und für Charlotte, vor allem für Charlotte. Sein Gefluche jedoch brachte ihre Mundwinkel für diesen einen Moment zum Zucken und sie senkte schnell den Blick, denn zum Lachen war die Situation wirklich nicht.
Wenn sie ehrlich war, war sie vollkommen durcheinander und vollkommen verwirrt. Doch scheinbar waren sie sich beide in einer Sache einig. Nämlich, dass sie diese Frau nicht mochten. Beide hatten einen Schulterschluss hier gezeigt, was doch wohl positiv war. Vielleicht bekamen sie den Rest auch hin, auch wenn sie nicht daran glaubte. Sie schob sogar den Gedanken weit weg, dass er bei ihr einziehen würde. Darin würden sie sich sicherlich auch einig sein. Überhaupt kam ihr diese Forderung und Vorstellung merkwürdig vor. Sie hatten sich doch eigentlich nichts mehr zu sagen, außer dass sie in Zukunft über das Leben von Charlotte entscheiden mussten. Zusammen, wohl gemerkt.

Kurz verharrte sie noch, ehe sie sich mit der rechten Hand über den linken Arm strich und sich für diesen Moment echt elend fühlte. Sie hatte wegen ihrer Berufswahl schon öfters einstecken dürfen. Aber nie, dass sie Ärztin werden wollte. Das hatte ihr noch niemand vorgeworfen. Da waren Vorwürfe, dass sie hatte zu den Ärzten ohne Grenzen wollen, die Vorwürfe, dass sie keinen Bock auf Kardiologie, sondern auf Unfallchirurgie hatte und dass sie kein Megageld scheffeln wollte mit ihrem Beruf. Aber nun? Nun warf man ihr vor, dass sie deswegen ein schlechter Mensch für ihr Kind war? Sie hatte bereits ein schlechtes Gewissen dank Sean, doch jetzt… jetzt fühlte sie sich mies. Megamies.
Ganz leicht ließ sie sich gegen die geschlossene Tür sinken und sah auf den Boden, ehe sie die Frage von ihm hörte und so den Blick zu ihm hob, dabei leicht mit der Schulter zuckte „Ich denke, das ist relativ.“ Sie sah noch einmal in die Richtung, in die die Frau verschwunden war. „Ich bin das Böse in diesem Spiel. Hab ich begriffen. Die Unfähige, die ihr Kind weggeben hat, damit es ein gutes Leben bekommt. Das denkst Du doch auch!“ Damit sah sie zu ihm und sah ihn an. „Du denkst doch auch, dass ich einfach nur die Hexe bin, die Dein Kind weggeben hat. Klar, es hätte tausende Lösungen gegeben. Aber keiner von euch hat in meiner Haut gesteckt und hat MEIN Leben gelebt. Keiner! Und trotzdem urteilt ihr alle fröhlich über die unfähige Jane Dallas.
Ja, es geht mir gut. Es ist alles bestens. Ist nur eine weitere Person, auf der ‚sie kann mich nicht leiden‘-Liste. Ich werds verkraften. Da muss sie sich halt weit hinten anstellen, schließlich sind da noch einige andere vor ihr.“ Tief atmete sie durch „Tut mir leid, Sean. Ich … es war ein langer Tag, ein verdammt langer Tag. Vielleicht solltest Du schon zu Charlotte gehen und ich… schau mal, ob ich ihre Akte kriegen kann und sehen kann, wann sie nach Hause kommt, damit wir wissen, bis wann ihr Zimmer fertig sein muss. Und Urlaub sollte ich wohl auch nehmen, damit ich die erste Woche mindestens zu Hause bin. Und Schule. Wir müssen uns um die Schule kümmern, die Sachen… sie hat doch Sachen drüben in Oakland, die… müssen wir wohl auch holen und… „
Sie rieb sich die Stirn und schob sich von der Tür weg. „Und ich muss hier klar machen, dass ich Mutter bin, als ob ich nicht eh schon… fuck.“ Kurz zögerte sie „Das müssen wir uns auch abgewöhnen. Fluchen. In Gegenwart von ihr.“
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#18
Einen Moment lang fürchtete Sean ernsthaft, dass Jane Einspruch erheben könne. Wahrscheinlich war sein Auftreten hier ihrer Beziehung zu den Behörden nicht sonderlich förderlich und vermutlich war es nicht klug, sich von dieser Seite noch mehr Probleme ins Boot zu holen. Sie hatten wahrlich genug auch ohne dass er noch seinen Beitrag leistete. Aber zu seiner großen Überraschung hielt sie nicht nur augenblicklich die Klappe, sondern erhob auch keinerlei Einspruch. Das war bemerkenswert und erstaunlich. Vor allem der Umstand, dass er sie tatsächlich dazu gebracht hatte zu verstummen. Sich bei ihr zu erkundigen ob es ihr gut ging stellte sich jedoch als grober Fehler heraus. Jane entlud ihre Frustration und er war, wenn auch wenig überraschend, ihr Ziel. Statt sich mit ihr herum zustreiten oder ihr ins Wort zu fallen, ließ er sie einfach reden. Schweigend betrachtete er sie, ohne dass seinem Gesicht wirklich anzusehen gewesen wäre, was in ihm vorging. Er fühlte sich ein klein wenig ungerecht behandelt, beschloß aber, es ihr durchgehen zu lassen. Besser, sie tobte sich hier bei ihm aus und wurde ihren Frust los, als dass sie etwas Dummes tat. Er würde es aushalten und sie würde aufhören sich mies zu fühlen. Vielleicht nicht mehr heute, aber irgendwann. Spätestens dann, wenn sie sah, dass es Charlotte in ihrer Obhut gut ging. Er zweifelte keinen Moment lang daran, dass das der Fall sein würde. Auch wenn Jane ihm wahrscheinlich lange nicht alles erzählt hatte, so glaubte er doch zu wissen, dass sie eben nicht aus Gleichgültigkeit oder Bequemlichkeit heraus gehandelt hatte. Sie hatte versucht das zu tun, was für ihre Tochter am Besten war und auch wenn sie ihn dabei vergessen hatte, machte sie das zu Vielem, aber nicht zu einer schlechten Mutter. Vielleicht zu einer Mutter, die zu unsicher war und zu wenig an sich selbst glaubte. Er war sich der Tatsache dass sie das wahrscheinlich nicht wollen würde vollkommen bewußt, ignorierte es aber gekonnt und griff nach ihrem Handgelenk um sie ein Stück näher zu ziehen. Einen Moment lang hielt er sie in seinen Armen, ihre Reaktion darauf ebenfalls ignorierend. Ob sie es nun mochte oder nicht, sie würde es über sich ergehen lassen, so einfach war das. Zumindest in seiner Welt. "Ich bin sauer, weil du mir nichts gesagt hast – für eine verdammt lange Zeit. Und ich bin sauer, weil ich so viel verpasst habe, weil ich nicht dabei war als Charlotte Laufen oder Sprechen gelernt hat." erklärte er ihr ruhig, blickte jedoch an ihr vorbei den Gang hinab. "Hexe habe ich nie gedacht. Miststück vielleicht. Aber nicht Hexe." Er ließ sie los, ehe er wirklich noch Gefahr lief dass sie ihm die Augen auskratzte und versuchte sich an einem schiefen Grinsen. Eigentlich war es mehr als seltsam dass ausgerechnet er hier den optimistischen Part übernahm. Vielleicht war es dem Umstand geschuldet, dass er weder von Kindererziehung noch den vielen Problemen die da auf sie zukamen die leiseste Ahnung hatte. Und die Überzeugung das richtige zu tun half sicherlich auch. Sean war jemand, der fast immer auf sein Bauchgefühl hörte und der sich nicht mit komplizierten Überlegungen aufhielt. In seiner Sicht gab es nur sehr selten eine Grauzone. Es gab Dinge die richtig waren und es gab Dinge die schlichtweg falsch waren. Er selbst versuchte stets das zu tun was ihm richtig vorkam oder tat ganz bewußt das was falsch war und war bereit die Konsequenzen zu tragen. Dass Jane und er sich nun die Verantwortung für einen kleinen Menschen teilten machte ihm keine Angst. Ihm war klar dass ihre Kindheit nicht perfekt verlaufen war und das auch in Zukunft nicht würde. Aber das Leben an sich war nun mal einfach nicht perfekt. Und wer wollte das schon? Perfekt bedeutete immer auch langweilig. Es bedeutete im Grunde genommen auch wertlos. Etwas, das einem einfach so in den Schoß fiel war viel weniger wichtig als Dinge für die man kämpfen mußte. Jane schien momentan mit einer Menge Dinge zu kämpfen. Und das bedeutete im Umkehrschluß doch nur, dass sie sich um ihre Tochter sorgte und das tun wollte, was am Besten für sie war. In seinen Augen machte sie allein dieser Umstand schon zu dem, was er als Mutter definiert hätte. Ihre Selbstzweifel waren also vollkommen unangebracht. Und ob die vertrocknete Miss -wie-auch-immer sie nun leiden konnte oder nicht war vollkommen irrelevant.
"Ich werde ihr Kinderzimmer streichen, wir suchen eine Schule für sie aus und ich kann nach Oakland fahren und ihren Kram abholen. Alles kein Grund zur Panik. Ich werde mir auf gar keinen Fall das Fluchen abgewöhnen, aber alles andere kriegen wir hin." Sean klang überzeugt und er war es auch. Ein bißchen renovieren und eine längere Autofahrt waren nun wirklich nichts das man nicht hätte regeln können. Im Gegenteil, zumindest Sean war ganz froh darüber wenn er etwas zu tun bekam, in dem er gut war. Arbeiten und Fahrdienste gehörten definitiv zu seinen starken Seiten. Zumindest dann, wenn man es mit seiner Fähigkeit verglich, jemanden zu trösten oder zu formulieren, was er dachte. Es war nicht so, dass in seinem Kopf weniger vor sich gegangen wäre als in Janes. Er war nur einfach niemand der diese Dinge so offen aussprach und wäre sich bei dem Versuch wahrscheinlich auch einfach dämlich vorgekommen. Weil ihm die Worte fehlten oder weil er nicht die richtigen fand und weil er überhaupt fest davon überzeugt war, dass letztendlich jeder seinen Kram in allererster Instanz mit sich selbst ausmachen mußte. Und wäre Jane geholfen, wenn er anfing sich über tausend Dinge zu sorgen, die ihr vielleicht noch gar nicht in den Sinn gekommen wären? Wahrscheinlich nicht. Und Charlotte ebenso wenig. Er fühlte sich verantwortlich, für Beide. Nicht nur für seine Tochter, was ja sowieso klar war, aber auch für Jane. Einfach weil sie die Mutter seines Kindes war und damit zur Familie gehörte. Ganz egal wie schwierig ihre Beziehung auch sein mochte oder wie unglücklich sie eigentlich vor einigen Jahren geendet hatte. Die Zeit ließ sich eh nicht zurückdrehen, also konnten sie sich den Versuch auch gleich schenken und stattdessen versuchen das Beste aus dem zu machen was nun vor ihnen lag.
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#19
Eigentlich wollt sie gehen. Sie wollte ganz dringend gehen, weil sie einfach so viel Frust in sich hatte, so viel Ärger in sich. Jeder hakte hier auf sie rum. Erst Sean, jetzt die blöde Kuh von der Jugendfürsorge Jeder hatte seine Meinung über sie gebildet und nicht einer hatte wirklich mal innegehalten und drüber nachgedacht, wie sie sich wohl damals gefühlt hatte, als sie herausgefunden hatte, schwanger zu sein. Sie war schließlich noch verdammt jung gewesen, sie war nicht mal volljährig gewesen. Aber interessierte das hier einen? Nö, nicht einen.
Und es war so verdammt unfair.
Das Sean die geballte Ladung Frust und Wut abbekommen hatte? Im ersten Moment war es ihr vollkommen egal, denn er war doch einer dieser vielen Faktoren, die dafür gesorgt hatten, dass sie sich so mies und schäbig vorkam. Sollte er also erfahren, dass er sein Ziel erreicht hatte. Sie war voller Selbstzweifel, sie war wütend, sie war frustriert und sie musste es einfach los werden.
Blöd nur, dass er sie irgendwie überrumpelte, in dem er plötzlich nach ihrem Handgelenk griff und im nächsten Moment sie auch noch an sich heran zog und sie in die Arme schloss, etwas, was sie vollkommen verwirrte und durcheinander brachte. Was zum Henker war jetzt los?
Hatte er sie erst noch überrumpelt, gab sie für einen Augenblick nach und ließ die Umarmung zu, einfach weil es gut tat und sie einfach schon ewig keiner mehr umarmt hatte. Zumindest nicht um ihretwillen und einfach so. Ihr Kopf tat weh und sie fühlte die Anstrengung des Tages jetzt nur noch mehr auf ihren Schultern. Sie hörte seine Worte und konnte ihn sogar verstehen. Ja, sie hatte ihm das Kind vorenthalten, verdammt noch mal. Aber sie hatte nur gewollt, dass er seinen verdammten Traum leben konnte und sie nicht eines Tages hassen würde, weil sie ihn echt gemocht hatte. Und er hatte sie damals doch auch nicht aufgehalten, als sie sich in ein wahres Miststück verwandelte und ihm vorlog, dass das alles nur eine Farce gewesen war.
Ihr fiel auf, dass Sean nicht mehr roch wie früher. Sie wusste selber nicht, wie sie auf diesen Gedanken kam. Doch vielleicht war es genau das, was sie dazu brachte, dieses Zulassen und Nachgeben sofort aufzugeben und sich anzuspannen. Nein! Nein, keine Herzlichkeiten, keine Zuwendungen. Sie wollte sich hier nicht irgendwas vorgaukeln oder gar glauben, dass zwischen ihnen plötzlich Frieden war.
Und dann brachte er sie doch dazu, dass sie ihm einen Knuff verpasste, nicht doll, aber immerhin und sie von ihm wegtrat. „Super… Miststück kommt mit Hexe fast schon gleich.“ Kurz warf sie ihm einen Blick zu und fühlte sich dennoch etwas besser, aber nicht viel. Der Druck in ihrem Kopf war noch da, die Müdigkeit in ihren Beinen auch. Sie hatten die Jugendfürsorge gerade gegen sich aufgebracht. Sie beide zusammen. Nicht, dass sie es bereute, aber ob es so schlau war? Irgendwie bezweifelte sie es. Sie hatte Angst, sie hatte einfach eine Scheißangst, denn sie sollte jetzt Verantwortung für ein siebenjähriges Mädchen tragen, zusammen mit einem Mann, der von ihr dachte, sie sei ein Miststück.
„Warst Du schon immer so ein Optimist?“ Fragend sah sie ihn an, nachdem er ihr sehr überzeugend erläutert hatte, wie es laufen würde und sie doch keinen Grund zur Panik hätte. Sie hatte aber Panik. Riesenpanik!
Jane fuhr sich übers Gesicht und atmete sehr tief durch. „Jetzt mal ehrlich, Sean. Wir zwei wissen nichts voneinander. Das… ist schließlich eine halbe Ewigkeit her, so denn eine halbe Ewigkeit knapp acht Jahre beträgt. Dazu kommt, dass wir uns doch schon so an die Gurgel gehen. Und ja, ich bin Realistin geworden, weil mit Träumen man eh nicht weiter kommt.“

Für einen Moment sah sie ihn an, nur um im nächsten Augenblick an ihm vorbei zu sehen und kurz nachzudenken. Dann aber ging ihr Blick zur Tür „Wir sollten sie nicht länger warten lassen. Nur… sollten wir nicht ehrlich zu ihr sein und ihr sagen, dass wir nicht zusammen wohnen? Dass sie mit mir alleine wohnen wird? Und Du immer für sie da sein wirst?“ Wohlgemerkt für sie, so sah Jane das nämlich, denn auch wenn sie Charlottes Mutter war, so bezweifele sie sehr stark, dass sie irgendwie in sein ‚Kümmerspektrum‘ mit reingehörte. Warum auch? Sie kam alleine klar und konnte für sich alleine Sorgen, warum also sollte Sean das mit übernehmen. Er sollte sich um Charlotte kümmern, mehr nicht. „Die Akte von ihr kann ich auch morgen versuchen einzusehen. Vielleicht kann Parker sie mir besorgen. Er ist im gleichen Jahr wie ich. Vielleicht kannst Du rausfinden, worauf genau das Jugendamt bei der Besichtigung zu Hause achten wird? Damit wir hier eine Lösung finden?“ Fragend sah sie ihn an, abwartend und erst als er geantwortet hatte, nickt sie und öffnete die Tür zum Krankenzimmer erneut, nur um Charlotte anzulächeln. „Hey. Da sind wir wieder.“ Sie lächelte das Mädchen offen an und trat in das Zimmer, während Charlotte sehr neugierig drein sah und wissen wollte, ob die Frau weg war. Jane nickte sehr leicht „Ja, sie ist weg. Sean hat sie verscheucht. Solltest Du also hier noch Monster vermuten oder ähnliches. Lass ihn das machen, der kann das.“ Damit grinste sie Sean kurz an, ehe sie aufs Bett zeigte. „Darf ich?“ Charlotte nickte sofort und Jane ließ sich wieder auf einer Bettseite nieder, warf Sean einen fragenden Blick zu. Denn sie war sich unsicher. Irgendwie. Auch Charlotte schien sich unsicherer zu sein als vorhin und behielt die beiden Erwachsenen im Blick, ehe von ihr kam ‚Türkis. Ich mag Türkis. Und ich mag Nudeln. Mit Tomatensauce. Und Hamburger. Aber den darf ich nicht oft. Weil Mama sagt, der ist nicht gut. Und ich mag Traubensaft.‘
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#20
Jane kratzte ihm nicht die Augen aus und versuchte auch nicht ihn zu erwürgen. Das war doch immerhin ein Anfang. Einen Moment lang hielt sie still, versteifte sich dann aber merklich unter seiner Berührung, sodass er sie von sich aus freigab und sie einen Schritt zurück trat. So ganz nach dem Motto, er solle es mal nicht übertreiben. Versuchte er ja auch gar nicht. Er hatte nur das Gefühl gehabt, dass sie das vielleicht brauchen könnte. Und tatsächlich schien sie nicht böse zu sein und das reichte ja schon fast. Er selbst fühlte sich sehr wenig bis gar nicht an ihre gemeinsame Vergangenheit erinnert. Das hier war etwas vollkommen anderes. Sie waren beide erwachsen und er versuchte einfach nur Verantwortung zu übernehmen. Ganz davon abgesehen, dass Jane sich in den Jahren doch sehr verändert hatte. Ob das bei ihm selbst auch der Fall war konnte und wollte er nicht beurteilen, hätte jedoch eher auf nein getippt. Er war älter geworden, sie hingegen erwachsener. Es kostete ihn einige Mühe, doch er verkniff sich die Gegenfrage ob sie schon immer so eine Pessimistin gewesen war und zuckte mit den Achseln. "Ich würde es eher Pragmatiker nennen." Ein Optimist war er nun wirklich nicht. Er war nur niemand, der sich über Dinge Sorgen oder Gedanken machte die er nicht ändern konnte oder die vielleicht irgendwann in drei Jahren zum Problem werden könnten. Momentan brauchte Charlotte ein Zimmer und musste zur Schule gehen, Jane und er mussten sich irgendwie zusammenraufen, er vermutete dass es eine Menge Behördenkram zu erledigen gab und all das waren seinem Empfinden nach zwar nervige Pflichten, aber keine wirklichen Probleme. Über das was danach kam würde er sich Gedanken machen, wenn es soweit war. Jane hingegen schien schon jetzt darüber nachzudenken wovon sie Charlottes Führerschein bezahlen sollten. Natürlich hatte sie recht dass sie im Grunde nichts voneinander wussten und das wenige an das sie sich erinnerten mehr als dürftig war.
"Es verlangt ja auch niemand, dass wir Freunde werden, oder?" Vielleicht sollten sie daran arbeiten sich nicht permanent an die Gurgel zu gehen, weil das auf Dauer einfach wirklich, wirklich anstrengend werden würde. Aber dass sie da weitermachten wo sie vor acht Jahren aufgehört hatten – oder genauer gesagt, wo Jane es beendet hatte verlangte ja niemand. Gut, vielleicht die vertrocknete Tante von der Fürsorge, aber die zählte nicht. Sean betrachtete Jane mit einem Blick an dem kaum abzulesen war was er dachte und fragte sich im Stillen was genau sie hatte so... verbittert? Nein, das war übetrieben, aber so desillusioniert hatte werden lassen. Wenn er sich richtig erinnerte war sie hier diejenige, die in ein wohlhabendes Elternhaus hineingeboren worden war, die eine gute und allseits beliebte Schülerin gewesen war und die jetzt gerade tatsächlich das tat, was sie damals schon gewollt hatte, nämlich Ärztin werden. Woher also dieser riesige Berg an Frust der da gerade aus ihr hervor brach? Er fragte nicht danach, einfach weil er vermutete dass er ohnehin keine vernünftige Antwort bekommen hätte und weil ein Krankenhausflur auch nicht unbedingt der passende Ort für solche Unterhaltungen war.

"Natürlich sind wir ehrlich zu ihr." antwortete er stattdessen. Dem Kind etwas vorzugaukeln was nicht da war, wäre ihm im Traum nicht eingefallen. Zumal er von Lügen und Geheimnissen bis auf Weiteres wirklich genug hatte. Er verstand diese ganze Manie dass Eltern zusammensein mussten um sich um ein Kind zu kümmern sowieso nicht. Wichtig war doch nur, dass Charlotte verstand, dass sie sich auf Beide verlassen konnte. Er folgte Jane zurück in das Zimmer und schloß die Tür hinter sich. Das Mädchen sah ein wenig verunsicherter aus als noch vor wenigen Minuten, aber er konnte nicht sagen woran das liegen könnte. Wahrscheinlich war die ganze Situation, verbunden mit der Ungewissheit für sie einfach genau so anstrengend wie für die Erwachsenen. Oder auch noch schlimmer. Immerhin hatte sie gerade ihre Eltern verloren. Oder Ersatzeltern. Egal wie man sie nennen wollte, für Charlotte waren sie ganz sicher wichtige Bezugspersonen gewesen, auch wenn sie nicht miteinander verwandt waren. Und nun sollte sie zu völlig fremden Leuten, die ab sofort diesen Part übernehmen wollten. Sicherlich eine bedrohliche und schwierige Situation. Dafür schlug sie sich aber wirklich gut und Sean musste schmunzeln, als Jane begann seine Fähigkeiten als Rausschmeisser anzupreisen. Worum machte die Frau sich eigentlich ständig Sorgen? Sie machte das doch wunderbar. Soweit er das von hier beurteilen konnte fand sie ganz instinktiv einen Zugang zu der Kleinen und die richtigen Worte. Eine beneidenswerte Fähigkeit. "Ich mach dir einen Vorschlag. Wir finden heraus, wie lange du noch hier bleiben musst und ich streiche in der Zeit dein neues Zimmer. In türkis. Und wenn die Ärzte sagen, dass du nach Hause darfst, holen Jane und ich dich ab und ich lade euch beide zum Burgeressen ein. Deal?" Seine Tochter nickte begeistert und erklärte, als würde sie gerade einen Pakt auf Leben und Tod schließen: `Deal`. Mit aller Ernsthaftigkeit die eine Siebenjährige aufbringen konnte. Obwohl Sean vermutete, dass zumindest Jane die Einschätzung teilte, dass Hamburger nicht gut für kleine Mädchen waren hielt er das für eine ziemlich gute Idee. Und abgesehen von der Essenseinladung blieb ihnen ja eh nichts anderes übrig. Er sah eine Menge Arbeit auf sich zukommen. Jane würde wahrscheinlich nicht zufällig noch eine komplette Kinderzimmereinrichtung irgendwo herumliegen haben und wenn er daran dachte, dass sie eigentlich sogar hatte untervermieten wollen war ihm auch klar, wer das Ganze vorerst bezahleln würde.
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